Beim Treffen in Wladiwostok hofiert Putin den "Rocket Man"

Kim Jong-un und Vladimir PutinFoto: Kremlin.ru / CC BY 4.0 (via Wikimedia Commons)

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Kremlchef Wladimir Putin trifft Kim Jong Un, den nordkoreanischen "Rocket Man", wie Donald Trump ihn getauft hat. Die Bilder des Gipfeltreffens in der russischen Fernostmetropole Wladiwostok gingen gestern um den Globus. Über konkrete Ergebnisse dagegen wurde wenig bekannt. Intensiv seien die Gespräche gewesen, erklärten die beiden Staatenlenker im Stil zweier Fußballtrainer, die ein kampfbetontes 0:0 gesehen haben.

Tatsächlich war die Gipfelbilanz die Aufregung eher nicht wert. Weder bei der nuklearen Abrüstung noch in Wirtschaftsfragen oder mit Blick auf das internationale Sanktionsregime gegen Nordkorea gab es erkennbare Fortschritte. Allerdings war ein bilateraler Durchbruch gar nicht das Ziel des Treffens. Putin und Kim wissen, dass sich die Koreafrage nur international lösen lässt, unter Einbeziehung des Südens, vor allem aber unter Federführung der USA und Chinas. In Wirklichkeit hatten die beiden starken Männer aus strukturell eher schwachen Staaten vor allem ein Ziel: Sie wollten auf der Weltbühne Präsenz zeigen. Die Bilder waren die Botschaft, und sie sollten besagen: Seht her, wir sind handlungsfähig. Wir brauchen euch Amerikaner, Chinesen und Südkoreaner zwar. Aber ihr braucht uns ebenso.

Für Kim ist der oft erprobte Ansatz, irgendeine Art von Macht zu demonstrieren, existenziell. Er hat wenig zu verlieren. Also führt er am liebsten seine nuklearen Folterinstrumente vor, stets versichernd, dass er bereit ist, sie einzusetzen. Und wenn man die Führung in Washington nicht nur mit Raketen ärgern kann, sondern auch mit einer neuen Russland-Politik, dann tut er es. Was aber treibt Wladimir Putin dazu, ausgerechnet Kim zu hofieren? Wobei das Wort "hofieren" durchaus keine Übertreibung ist, denn es war der Kremlchef, der, ganz gegen seine Gewohnheit, wieder und wieder auf ein Treffen gedrängt hat. Keine Frage: Auch Putin will zuallererst die Amerikaner ärgern. Die USA sind in Russland nach dem Ende des Kalten Krieges schnell wieder zum Lieblingsfeind Nummer eins aufgestiegen. Sich mit den USA messen, so lautet die Kreml-Devise des 21. Jahrhunderts, heißt Weltmacht sein.

Allerdings gehörte die Nordkorea-Frage, ähnlich wie die Afghanistan-Strategie, lange Zeit zu jenen Politikbereichen, die außerhalb des wiederbelebten Ost-West-Konflikts lagen. Moskau und Washington kooperierten dort, oft auch unter dem Radar der Öffentlichkeit, weil die Bedrohung durch atomare Aufrüstung und Taliban-Terror für beide Seiten Priorität hatte. Das galt sogar zu den Hochzeiten der Ukraine-Krise und des Syrien-Krieges. Verabschiedet sich Putin nun von diesem informellen Konsens? Davon ist kaum auszugehen. Die Nichtergebnisse des Treffens in Wladiwostok belegen vielmehr, dass die Führung in Moskau am Sanktionsregime gegen Nordkorea festhält. Putin ließ ungewohnt bescheiden wissen, man wolle den Amerikanern und den Koreanern doch nur helfen, zueinanderzufinden. Dann stieß er mit Kim an und flog weiter nach Peking, um an einer Konferenz über Chinas Pläne für eine "Neue Seidenstraße" teilzunehmen.

Genau dort aber, in Peking, dürfte der entscheidende Grund für Putins intensivierte Korea-Politik zu suchen sein. Um das zu verstehen, reicht der Hinweis auf Chinas rasant wachsenden globalen Einfluss und seine ökonomische Stärke nicht aus. Vielmehr geht es um Russlands eigene Rolle als eurasische Großmacht. Das ist ein geopolitischer, aber auch historisch-kultureller Faktor, der aus europäischer Perspektive oft zu gering geschätzt wird. Der Stadtname Wladiwostok bedeutet: "Beherrsche den Osten!" In dieser Region politisch ein entscheidendes Wort mitreden zu können, gehört zur russischen Staatsräson, seit die Kosaken unter Iwan dem Schrecklichen nach Sibirien vordrangen. Putin kann schlicht nicht zulassen, dass China dort zur Hegemonialmacht aufsteigt. Also kungelt er mit Kim.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung

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