Brexit: Endzeitstimmung für die Eiskönigin

Theresa MayFoto: Kuhlmann / MSC / CC BY 3.0 de (via Wikimedia Commons)

Welt
Typographie
  • kleiner klein Standard groß größer
  • Standard Helvetica Segoe Georgia Times

Wenn die auflagenstärkste Zeitung des Landes meint, dass es Zeit sei zu gehen, ist das kein gutes Zeichen. Die britische Premierministerin Theresa May wurde am Montag vom Massenblatt "Sun" freundlich, aber bestimmt dazu aufgefordert, den Termin ihres Abgangs bekannt zu geben. Auch von anderen Seiten werden die Rufe nach ihrem Rücktritt lauter. Frühere Freunde wie Matthew d'Ancona fordern jetzt ihren Abtritt ebenso wie Katie Perrior, die einst als PR-Berater der Premierministerin arbeitete.

Die Tage von Theresa May scheinen gezählt. Die Brexit-Hardliner auf dem rechten Parteiflügel der Konservativen signalisieren der 62-Jährigen, dass sie gewillt wären, für ihren Brexit-Deal zu stimmen, vorausgesetzt May verspricht, danach das Feld zu räumen. Die Ultras wollen, dass einer der ihren in der zweiten Phase die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit der EU führt. "Um ihren Deal zu besiegeln und Brexit zu liefern", drückte es die "Sun" aus, "muss sie zurücktreten."

Es ist möglich, dass sich May auf diesen Kuhhandel einlässt. Es scheint der einzige Weg, um ihren Deal zu retten, der bisher schon zweimal deutlich vom Unterhaus abgelehnt wurde. Eine dritte Niederlage, das weiß auch May, kann sie sich nicht mehr leisten. Andererseits hat May eine Karriere daraus gemacht, niemals aufzugeben. Die britische Premierministerin ist immer wieder abgeschrieben, als Auslaufmodell und sogar als "Zombie-Premierministerin" bezeichnet worden. Doch sie ist immer noch da. Was zeigt, dass sie eine Überlebenskünstlerin ist. Die Erfahrung lehrt: Wenn May eines nicht macht, dann ist es aufgeben. Die Stehauffrau des Königreichs hat Verbissenheit zu ihrem Markenzeichen gemacht. Wie hoch muss ihre Schmerzschwelle sein, fragt man sich, wenn sie wieder und wieder vom Unterhaus abgewatscht wird. Warum wirft sie den Bettel nicht hin? Doch ihre Renitenz ist legendär. Die Frau, die schon im Alter von zwölf Jahren der Konservativen Partei beitrat, ist oft mit ihrer Vorgängerin Margaret Thatcher verglichen worden. Davon hält May allerdings nichts. Ob sie sich als eine neue "Eiserne Lady" sähe, wurde May gefragt, als sie sich um den Parteivorsitz bewarb. "Ich bin meine eigene Frau", protestierte sie, "ich bin Theresa May und ich denke, dass ich die beste Person bin, um Premierministerin dieses Landes zu werden." Auch den Vergleich mit Angela Merkel will die kinderlose Pfarrerstochter nicht gerne hören.

Aber abgesehen von politischen Differenzen gibt es eine ganze Reihe von Charakteristiken, die May mit Thatcher oder auch mit Merkel verbinden würde: Kompetenz, taktisches Denken, Nüchternheit, Nervenstärke, Detailwissen und nicht zuletzt: ein stählerner Machtwille. Ihr größtes Problem ist nicht politischer, sondern persönlicher Natur: ihre Unnahbarkeit. Sie sei, gab sie öffentlich zu, keine gute Small-Talkerin und säße lieber über ihren Akten als beim Bier im Pub, um politische Kontakte zu pflegen oder Seilschaften zu organisieren. Den Spitznamen "Eiskönigin" trägt sie, weil sie sich im dienstlichen Umgang betont kühl gibt. Im Privatleben jedoch, berichten ihre Vertrauten, sei sie aufgeschlossener und manchmal geradezu warmherzig. Doch ihr Führungsstil wird ihr jetzt zum Verhängnis. Sie hat praktisch keine Freunde mehr innerhalb der Partei. Selbst enge Mitarbeiter in der Downing Street verzweifeln, weil May wie eine Sphinx ihre Meinung für sich behält und für gut gemeinte Ratschläge unzugänglich ist. Isoliert im Kabinett, kann sie sich nur an der Macht halten, weil ihre Ministerriege zwischen Befürwortern eines harten oder eines weichen Brexit zerstritten ist. Durchaus möglich, dass die Frau, die Sturheit zur Kunstform erhoben hat, schließlich doch das Handtuch wirft, um ihren Brexit-Deal zu retten.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung

Welt (Top 10)

  • Belarus vor der Wahl: Hacker-Attacken auf unabhängige Online-Medien
    Dienstag, 06. Oktober 2015

    Berlin (ots) - Reporter ohne Grenzen kritisiert die Angriffe auf unabhängige Online-Medien wenige Tage vor der Präsidentenwahl in Belarus am 11. Oktober. Die Seiten der unabhängigen...

  • Keine Bußgelder für Spanien und Portugal: Aufgeschoben darf nicht aufgehoben sein
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Erstmals in der Geschichte des Stabilitäts- und Wachstumspaktes (SWP) hätte die EU Sanktionen gegen Spanien und Portugal wegen überhöhter Staatsdefizite verhängen können. Sie hat aber vorerst darauf...

  • Wahl in Spanien: Unsicherheit endlich beenden
    Montag, 27. Juni 2016

    Spanien hat nach sechs Monaten vergeblicher Regierungsbildung erneut gewählt. Die weiter gesunkene Wahlbeteiligung zeigt, dass die Geduld vieler Spanier mit ihren Politikern zu Ende geht. Auch...

  • Fotoverbot vor Rheinmetall Firma in Türkei
    Freitag, 11. August 2017

    Die türkische Firma Rheinmetall BMC Defense Industry Inc., an der Rheinmetall mit 40 Prozent beteiligt ist, arbeitet in Ankara offenkundig unter Bedingungen erhöhter Geheimhaltung. An dem Gebäude in...

  • Der Nordwesten Syriens: "Es riecht nach Blut und Schießpulver"
    Dienstag, 26. Juli 2016

    Der Nordwesten Syriens steht an der Schwelle zu einer humanitären Katastrophe, warnt die Kinderrechtsorganisation Save the Children. Hilfsgüter kommen nicht zu den notleidenden Menschen durch und...

  • Terrorangst belastet EM-Geschäfte
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Die Angst vor Terroranschlägen belastet die Geschäfte der UEFA mit der Fußball-EM. Die UEFA werde ihr Umsatzziel für die sogenannten Hospitality-Tickets nicht erreichen, sagte Martin Kallen,...

  • Israel: Was niemand wissen soll
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Israels Militärgerichte verfolgen die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen. Plünderer werden zur Verantwortung gezogen, und auch wer sich bei Vandalismus beobachten lässt oder gar bei gezielter...

  • Russland kündigt Teilabzug aus Syrien an
    Dienstag, 15. März 2016

    Der russische Präsident Wladimir Putin hat am gestrigen Montag angekündigt, den Großteil der russischen Streitkräfte aus Syrien abzuziehen.

  • Alte Feindschaft rostet nicht
    Donnerstag, 31. März 2016

    Die Ursachen und Folgen des IS-Terrors beschäftigen uns an den meisten Nachrichtentagen so sehr, dass wir eine potenziell viel größere Bedrohung fast aus den Augen verloren haben: die russischen...

  • Safe Harbor Urteil: Niemand ist beeindruckt
    Dienstag, 06. Oktober 2015

    Regensburg (ots) - Eigentlich wussten wir es schon vor dem Urteil des höchsten europäischen Gerichts: Unsere Daten sind in den USA nicht sicher.