Der Arabische Frühling: Frauen sind die großen Verlierer

Foto: Betti Cohen-Kowalski / pixabay (CC)

Welt
Typographie
  • kleiner klein Standard groß größer
  • Standard Helvetica Segoe Georgia Times

Vor fünf Jahren erhoben sich junge, unzufriedene Menschen gegen repressive Regime. Bei Demonstrationen riskierten sie ihr Leben für eine gerechtere, selbstbestimmte Zukunft. Darüber, was sich seitdem verändert hat und wie die Krisen in der Region die Arbeitsweise von Hilfsorganisationen verändern, spricht die Direktorin der Region Mittlerer Osten und Nordafrika der SOS-Kinderdörfer, Alia Al-Dalli.

Der arabische Frühling war für viele junge Menschen die große Hoffnung auf Veränderung. Wenn man sich die Situation in den jeweiligen Ländern heute ansieht, hat sich diese Hoffnung wohl nicht erfüllt. Sehen Sie trotzdem positive Entwicklungen, die mit dem arabischen Frühling begannen?

Al-Dalli: Die Menschen in den arabischen Ländern haben gelernt, was sie bewegen können, wenn sie sich vernetzen. Politischer Aktivismus breiter Bevölkerungsschichten war in der Region bis dahin nicht üblich. Das ist eine sehr positive Entwicklung. Außerdem ist der arabische Frühling nicht beendet. Bis heute gibt es Demonstrationen - mit einem wichtigen Unterschied: Sie sind fokussiert und zielen auf konkrete Missstände wie Korruption ab. Die arabische Gesellschaft lernt also und befindet sich in einer beständigen Metamorphose.

Sie bauen also weiterhin darauf, dass die Veränderungen eintreten und sich die Hoffnungen der jungen Menschen erfüllen?

Al-Dalli: Zu Beginn des arabischen Frühlings haben die Menschen geglaubt, dass die gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen in kurzer Zeit erreicht werden könnten. Das war ein Irrtum. Außerdem waren die Menschen, die da auf die Straße gingen, unorganisiert und sind es leider größtenteils bis heute. Das muss sich ändern, wenn sie ihre Ziele erreichen wollen. Und natürlich gibt es Rückschläge: Wir beobachten, dass die Unterdrückung zugenommen hat und konservative Strömungen populärer geworden sind. Aber die Gründe für die Revolution - Ungleichheit und Ungerechtigkeit - sind noch immer da. Das Feuer ist entfacht und wird so schnell auch nicht wieder erlöschen.

Was kann eine Organisation wie die SOS-Kinderdörfer tun, um Veränderungen zu unterstützen?

Al-Dalli: Frauen sind die absoluten Verlierer dieser Revolution. Während der Demonstrationen des arabischen Frühlings wurde der Aktivismus aus vielen Frauen buchstäblich herausgeprügelt. Viele Gesetze werden heute viel konservativer ausgelegt und grenzen die Bewegungsfreiheit von Frauen weit mehr ein. Hier müssen wir uns verstärkt für die Rechte von Mädchen und Frauen einsetzen. Gleiche Bildungschancen fördern. Durch Beratungen können wir legale Wege aufzeigen, wie sich Frauen trotz konservativ ausgelegter Gesetze emanzipieren können. Weiterhin fördern wir immer wieder Initiativen, um Mädchen zu helfen, ihre Träume zu leben.

Aktuell finden die Friedensverhandlungen für Syrien statt, welche Hoffnungen haben sie auf Frieden?

Al-Dalli: Ich fürchte, es sieht nicht gut aus. Lange war nicht einmal klar, wer von den Konfliktparteien überhaupt mit am Verhandlungstisch sitzen wird. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass Erfolge bei solchen Verhandlungen erst erzielt werden, wenn die kriegsführenden Parteien mit ihrer Kraft am Ende sind, also keinen anderen Ausweg mehr sehen. Soweit ist es in Syrien noch längst nicht.



Quelle: ots/SOS-Kinderdörfer


Welt (Top 10)

  • Belarus vor der Wahl: Hacker-Attacken auf unabhängige Online-Medien
    Dienstag, 06. Oktober 2015

    Berlin (ots) - Reporter ohne Grenzen kritisiert die Angriffe auf unabhängige Online-Medien wenige Tage vor der Präsidentenwahl in Belarus am 11. Oktober. Die Seiten der unabhängigen...

  • Keine Bußgelder für Spanien und Portugal: Aufgeschoben darf nicht aufgehoben sein
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Erstmals in der Geschichte des Stabilitäts- und Wachstumspaktes (SWP) hätte die EU Sanktionen gegen Spanien und Portugal wegen überhöhter Staatsdefizite verhängen können. Sie hat aber vorerst darauf...

  • Wahl in Spanien: Unsicherheit endlich beenden
    Montag, 27. Juni 2016

    Spanien hat nach sechs Monaten vergeblicher Regierungsbildung erneut gewählt. Die weiter gesunkene Wahlbeteiligung zeigt, dass die Geduld vieler Spanier mit ihren Politikern zu Ende geht. Auch...

  • Fotoverbot vor Rheinmetall Firma in Türkei
    Freitag, 11. August 2017

    Die türkische Firma Rheinmetall BMC Defense Industry Inc., an der Rheinmetall mit 40 Prozent beteiligt ist, arbeitet in Ankara offenkundig unter Bedingungen erhöhter Geheimhaltung. An dem Gebäude in...

  • Der Nordwesten Syriens: "Es riecht nach Blut und Schießpulver"
    Dienstag, 26. Juli 2016

    Der Nordwesten Syriens steht an der Schwelle zu einer humanitären Katastrophe, warnt die Kinderrechtsorganisation Save the Children. Hilfsgüter kommen nicht zu den notleidenden Menschen durch und...

  • Terrorangst belastet EM-Geschäfte
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Die Angst vor Terroranschlägen belastet die Geschäfte der UEFA mit der Fußball-EM. Die UEFA werde ihr Umsatzziel für die sogenannten Hospitality-Tickets nicht erreichen, sagte Martin Kallen,...

  • Israel: Was niemand wissen soll
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Israels Militärgerichte verfolgen die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen. Plünderer werden zur Verantwortung gezogen, und auch wer sich bei Vandalismus beobachten lässt oder gar bei gezielter...

  • Russland kündigt Teilabzug aus Syrien an
    Dienstag, 15. März 2016

    Der russische Präsident Wladimir Putin hat am gestrigen Montag angekündigt, den Großteil der russischen Streitkräfte aus Syrien abzuziehen.

  • Alte Feindschaft rostet nicht
    Donnerstag, 31. März 2016

    Die Ursachen und Folgen des IS-Terrors beschäftigen uns an den meisten Nachrichtentagen so sehr, dass wir eine potenziell viel größere Bedrohung fast aus den Augen verloren haben: die russischen...

  • Safe Harbor Urteil: Niemand ist beeindruckt
    Dienstag, 06. Oktober 2015

    Regensburg (ots) - Eigentlich wussten wir es schon vor dem Urteil des höchsten europäischen Gerichts: Unsere Daten sind in den USA nicht sicher.