Friedensnobelpreis: Tunesien? Ja, richtig.

Foto: raphaelthelen / Flickr (CC)

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Regensburg (ots) - Nehmen wir für einen Moment einmal an, Angela Merkel wäre wirklich im Rennen gewesen für den Friedensnobelpreis. Was hätte es gebracht, wäre sie ausgezeichnet worden? Sie wäre zu einer Art Säulenheiligen geworden, die innerhalb Europas und im eigenen Land ohnehin bis auf weiteres nicht kritisierbar gewesen wäre. So viel Charme es vielleicht gehabt hätte, wenn die Kanzlerin durch die Auszeichnung für ihre Arbeit und ihre Politik belohnt worden wäre, so sehr hätte der Preis doch auch eine Belastung dargestellt. Zumindest noch.

Aber Tunesien? Und das tunesische Dialog-Quartett? Auf der offiziellen Nobelpreis-Homepage befindet sich eine Umfrage, bei der man anklicken kann, ob der diesjährige Preisträger dem Nutzer bekannt war oder nicht. Aber selbst wenn die Auszeichnung einer Vierergruppe von tunesischen Organisationen der Weltöffentlichkeit weitgehend unbekannt sein mag, so hat der Preis doch aus mehreren Gründen eine Berechtigung. Tunesien war 2011 das erste Land Nordafrikas, in dem sich die Menschen gegen ihren langjährigen Herrscher auflehnten. Die Jasmin-Revolution war der Beginn dessen, was als Arabischer Frühling bekannt wurde - und in den meisten Staaten gescheitert ist. Am drastischsten zeigt sich das in Syrien, wo nun im fünften Jahr Baschar al-Assad versucht, mit Fassbomben, früher auch mit Gasangriffen, seine Legitimität durch das Ermorden seiner Gegner und der Zivilbevölkerung zu festigen. Neuerdings bekommt er dafür sogar russische Unterstützung unter dem Vorwand, dem Terror Einhalt zu gebieten. Was für ein Zynismus. Syrien aber ist nur das krasseste Beispiel dafür, wie sehr der einst als Aufbruch und lang erwarteter Wandel zum Besseren gefeierte Arabische Frühling vom Westen im Stich gelassen wurde. Und dort, wo er versucht hat, ihn zu beschleunigen, hat der Westen am Ende den Extremisten das Feld überlassen.

In Libyen war der Arabische Frühling für die Menschen der Versuch, ihr Leben aus den Händen von Dauerdespoten zu entreißen und in die eigenen zu legen, war er für den Westen nur eines: weit weg. Zumindest, so die Hoffnung, musste man sich in Nordafrika und dem Nahen Osten nicht selbst die Hände schmutzig machen wie im Irak oder in Afghanistan. Zusammen mit Libyen sind diese Staaten Beleg für eine gescheiterte Interventionspolitik des Westens. Die Rechnung ging nur in Tunesien auf, und auch dort nicht ganz. In diesem Jahr starben im März 20 Menschen beim Anschlag auf das Bardo-Museum. Im Juni tötete ein islamistischer Attentäter am Strand von Sousse 38 Menschen. Beide Anschläge ereigneten sich nach Ende der Nominierungsfrist des Nobel-Komitees, das seine Liste am 1. Februar erstellt. Der Terror war ein Rückschlag im Kampf des Landes um eine Stabilisierung der noch jungen Demokratie. Vielleicht hat genau das einen Einfluss auf die Entscheidung des Komitees gehabt. Die vermeintlich unverständliche Auszeichnung macht sehr wohl Sinn: Sie lenkt die Aufmerksamkeit hin zu einer ganzen Region, die in der öffentlichen Wahrnehmung nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient hätte.

Dabei liegt hier eine der Hauptursachen eines Konflikts, dessen Auswirkungen Europa zuerst vor seinen Küsten und dann an seinen Grenzen sah und nun vor der eigenen Haustüre vorfindet. Die Boote der Schleuser kamen aus Libyen. Die Tausenden von Familien, Kindern, Frauen und Männern in Passau oder Freilassing kommen aus Syrien. Es hat lange gedauert, bis Europa und die Welt zugegeben haben, dass sie mitschuldig sind an der Flüchtlingskrise. Der Friedensnobelpreis 2015 könnte helfen, den Blick darauf zu richten, wie die Konflikte, die Menschen in die Flucht treiben, vielleicht gelöst werden könnten.



Quelle: Mittelbayerische Zeitung


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