2 - 3 Minuten Lesezeit   453 Worte im Text   Vor mehr als einem Jahr

Fußball in Europa: Eine derartige EM hat es bislang noch nicht gegeben

Foto: Jonny Lindner / CC0 via Pixabay

Welt
Typographie
  • kleiner klein Standard groß größer
  • Standard Helvetica Segoe Georgia Times

Fußball in Europa: Eine derartige EM hat es bislang noch nicht gegeben

.

Eine solche Situation hat es noch nie bei einer Fußball-Europameisterschaft gegeben: 24 teilnehmende Mannschaften, 90000 Polizisten und Soldaten, 12000 private Sicherheitsleute. Auf derartige Superlative möchte man gerne verzichten - auf die Aufblähung eines Turniers, bei dem nach der Vorrunde nur acht Mannschaften nach Hause fahren müssen, und, vor allem, auf die permanent anwesende Angst vor einem Terrorakt. Diese EM ist anders.

Die Euro 2016 findet, ausgerechnet, in dem bislang von dem islamistischen Terror am stärksten betroffenen Frankreich statt. Das ist eine nicht geplante Dramaturgie. Ein Zufall, der dem gigantischen Championat die übliche Freude zu rauben scheint. Die ungetrübte Leichtigkeit auf den Fan-Meilen und in den Stadien ist (noch) nicht da. Die Euro 2016 könnte dennoch in einem Europa, das sich politisch in seine nationalen Einzelteile zerlegt und sich selbst aufzulösen scheint, ein zumindest temporärer Gegenentwurf zur Tristesse des bisherigen europäischen Jahres sein - zu seiner in so vielen Facetten daherkommenden Sprach- und Mutlosigkeit.

Sie zeigt sich ganz unangenehm und höchst enttäuschend aktuell im seltsamen Schweigen einer Kanzlerin, der zu den Hasstiraden eines mehr und mehr entgleisenden türkischen Staatspräsidenten nur die Banalität einer nichtssagenden Worthülse einfällt. Sie halte, so ließ sie ihren Regierungssprecher verlautbaren, gewisse Äußerungen "von der türkischen Seite für nicht hinnehmbar". Das reicht als Reaktion auf die Irrungen von Recep Tayyip Erdogan, den sie namentlich zu nennen sich nicht traut, keineswegs. Und auch Merkels Teamkollege auf dem Außenflügel, Steinmeier, schweigt, wo ein Protest in der Klarheit der Mitspieler Lammert und Schulz unbedingt nötig gewesen wäre.

Eine Europäische Union, die nicht mehr in der Lage ist, ohne Abhängigkeit von einem Despoten ihre Flüchtlingspolitik zu organisieren und zu strukturieren, die offensichtlich keinen Plan B hat, fördert die Orientierungslosigkeit ihrer Bevölkerung. Sie vermittelt keine Linie, keine Sicherheit, keine Perspektive und erst recht keine Zuversicht auf dem wahrscheinlich vielseitigsten und demokratischsten Kontinent der Erde. Sie trägt Mitverantwortung für die immer intensiver werdende Renaissance der Populisten, Reaktionäre und Nationalisten.

Und nun die EM. Sie ist eine Konzentration verschiedener Kulturen, nicht nur der Spielsysteme, sondern der Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern. "Je suis Euro 2016": Das sind Spieler und Trainer, Funktionäre und Journalisten, Fernsehzuschauer und Fans aus aller Herren Ländern. Fußball hat wunderbare assoziative Fähigkeiten: Er versteht es, zumal bei einem solchen EM-Turnier, große Feste und unvergessene Spiele zu inszenieren, Tragödien und Komödien auf den Programmzettel zu lancieren, Dramen und Erfolgsgeschichten zu schreiben. Er ist das Spielfeld der glänzenden Sieger und der verzweifelten Verlierer. Er präsentiert Mimik und Gesten, Rasanz und Langeweile, Stimmungen und Emotionen, Ungerechtigkeiten und Bluff. Ein richtig gewürztes Fußballspiel ist immer eine Hommage an die Lebensfreude. Hoffentlich kann die Euro 2016 dieses vitale Zeichen setzen: für die Vielfalt Europas und damit für seine Einzigartigkeit, die niemand leichtfertig aufs Spiel setzen sollte.



Quelle: ots/Aachener Zeitung


Welt (Top 10/365)

  • Mythos Annexion? Russlands Botschafter lädt Deutsche auf die Krim ein
    Sonntag, 17. März 2019

    Russlands Botschafter in Berlin, Sergej Netschajew, hat die Annexion der Krim verteidigt und deutsche Besucher explizit eingeladen, die Halbinsel im Schwarzen Meer zu besuchen. In der "Neuen...

  • Grandios gescheitert: Der Meister des Desasters
    Donnerstag, 28. Februar 2019

    Der selbst ernannte Verhandlungskünstler aus dem Weißen Haus hat seinen Meister in einem ruchlosen Diktator gefunden. Kim Jong-un nutzte beim Atompoker in Vietnam die strategische Schwäche des...

  • Zerstörerische Kraftmeierei - Donald Trump setzt auf volle Konfrontation mit dem Iran
    Montag, 06. Mai 2019

    Die Ankündigung des Nationalen Sicherheitsberaters der USA, John Bolton, den Flugzeugträger Abraham Lincoln an den Persischen Golf zu schicken, ist das kleinere Problem. Dieser war ohnehin schon auf dem...

  • Der Sprengmeister Europas
    Mittwoch, 08. Mai 2019

    Wenn von Charisma die Rede ist, fallen meist die ganz großen Namen: Nelson Mandela zum Beispiel, Mahatma Gandhi und Mutter Teresa oder John F. Kennedy. Allesamt waren sie Helden der Freiheit und der...

  • Ukraine: Poroschenko ließ sich auf einen Krieg ein, den er nur verlieren konnte
    Montag, 25. März 2019

    Fünf Jahre ist es her, dass Petro Poroschenko die Herzen seiner Landsleute im Sturm eroberte. Schon im ersten Durchgang wählten ihn die Ukrainer im Frühjahr 2014 mit klarer Mehrheit zum fünften...

  • Das Risiko des Radikalen
    Freitag, 05. Juli 2019

    Das Rennen ist spannender geworden. Wochenlang sah es so aus, als ginge es bei der Kür des demokratischen Herausforderers von US-Präsident Donald Trump nur um zwei Namen: Joe Biden und Bernie...

  • Prag: Regierungschef übersteht das Misstrauensvotum nur knapp
    Donnerstag, 27. Juni 2019

    Es gab viel zu bereden im Parlament von Prag. Mehr als 17 Stunden debattierten die Abgeordneten, bevor Andrej Babis tief in der Nacht zu Donnerstag vorerst aufatmen konnte. Ein Misstrauensantrag...

  • Boris Johnsons Erpressung
    Montag, 10. Juni 2019

    Man kann nicht behaupten, dass sich Boris Johnson bisher durch Weitsicht ausgezeichnet hätte. Der Mann mit den zur Zeit besten Aussichten, der nächste Vorsitzende der britischen Konservativen und...

  • Sorge vor Gewaltausbruch in Venezuela
    Dienstag, 30. April 2019

    Venezuelas Oppositionsführer Juan Guaidó hat für den 1. Mai die »größte Demonstration in der Geschichte Venezuelas« angekündigt. "Der Tag ist mit hohen Erwartungen und wachsender Spannung verbunden. Auch ein...

  • Labour-Partei will für ein zweites Brexit-Referendum eintreten
    Dienstag, 26. Februar 2019

    Zur Entscheidung der oppositionellen britischen Labour-Partei, sich hinter die Forderung nach einem zweiten Brexit-Referendum zu stellen, sagte Martin Schirdewan, Mitglied des Europäischen...