Nur Chaos oder schon Bürgerkrieg?

Foto: Kurdishstruggle / Flickr (CC BY 2.0)

Welt
Typographie
  • kleiner klein Standard groß größer
  • Standard Helvetica Segoe Georgia Times

Sind die zwei Bombenanschläge in der Türkei innerhalb von zwölf Stunden nur Chaos oder schon Bürgerkrieg? Der furchtbare Tod von drei Dutzend Soldaten ist vor allem Ausdruck der extremen Verworrenheit des Syrienkonflikts. Wer auch immer dahintersteckt, er hat das Anrainerland noch ein Stück näher an den Krieg gerückt.

Gute Kräfte, böse Mächte: Die einfachen Erklärungen haben ausgedient. Weder geht es in Syrien allein um die Frontstellung Arabischer Frühling gegen Diktator Baschar al-Assad. Noch kämpfen regionale und internationale Mächte allein gegen die Kopf-ab-Horden des Islamischen Staates. Der seit Jahrzehnten anhaltende kurdisch-türkische Terror macht die Sache besonders kompliziert. Hier kommt die Verantwortung der Türkei ins Spiel, die diesmal eindeutig Opfer ist. Das Gespann Recep Tayyip Erdogan und Ahmed Davutoglu hat im Juli 2015 den Bruch des Waffenstillstands mit den Kurden hingenommen und führt im Südosten Krieg gegen PKK-Kämpfer, die getrost Terroristen genannt werden dürfen. Zugleich werden hunderttausende Zivilisten in der Region Diyarbakir mit monatelangen Ausgangssperren und massiver Polizeigewalt drangsaliert.

Allein diese Verhältnisse würden reichen, um Radikale zu den jüngsten Attentaten von Ankara, dem ungeklärten Anschlag mit 103 Toten bei einer Demonstration im Oktober ebenfalls in der Hauptstadt und dem Mord an elf Deutschen vor einem Monat in Istanbul zu treiben.

Nun herrscht aber nicht Friede jenseits der türkischen Grenze.

Stattdessen haben kurdische Milizen auf syrischem Boden einen breiten Streifen entlang der Südtürkei als Keimzelle ihres neuen Staates unter Kontrolle gebracht. Gestern hat Salih Muslim, inoffizieller Sprecher dieser Milizen, geschworen, die YPG genannten Volksschutzeinheiten hätten noch nie auf türkischem Staatsgebiet zugeschlagen. Der Mann muss sich den Rücken freihalten, deshalb dürfte das sogar stimmen.

Der Schwur gilt aber nur bis zu dem Tag, an dem auf syrischem Boden die Waffen schweigen. Dann könnten sich die nach Süden orientierten Kämpfer um 180 Grad drehen und mit ihren vielen neuen Waffen den türkischen Südosten ins Visier nehmen. Aus nationaltürkischer Sicht zeigt der Tod der Soldaten am Mittwoch und am Donnerstag den USA und auch Deutschland, dass die kurdische Landnahme in Syrien - und im Nordirak - ein Hindernis für Frieden in der gesamten Region ist.

Insofern nutzen die Attentate dem wutschnaubenden Erdogan sogar. Tatsächlich stehen die syrischen Kurden unter dem Schutz Assads und Russlands. Allein das verhindert bislang, dass Erdogan seine Bodentruppen über die Grenze nach Süden vorrücken lässt. Fazit: Eine überzeugende Erklärung für die jüngsten Bombenschläge gibt es genauso wenig wie einen brauchbaren Friedensplan für Syrien.



Quelle: ots/Westfalen-Blatt


Welt (Top 10)

  • Belarus vor der Wahl: Hacker-Attacken auf unabhängige Online-Medien
    Dienstag, 06. Oktober 2015

    Berlin (ots) - Reporter ohne Grenzen kritisiert die Angriffe auf unabhängige Online-Medien wenige Tage vor der Präsidentenwahl in Belarus am 11. Oktober. Die Seiten der unabhängigen...

  • Keine Bußgelder für Spanien und Portugal: Aufgeschoben darf nicht aufgehoben sein
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Erstmals in der Geschichte des Stabilitäts- und Wachstumspaktes (SWP) hätte die EU Sanktionen gegen Spanien und Portugal wegen überhöhter Staatsdefizite verhängen können. Sie hat aber vorerst darauf...

  • Wahl in Spanien: Unsicherheit endlich beenden
    Montag, 27. Juni 2016

    Spanien hat nach sechs Monaten vergeblicher Regierungsbildung erneut gewählt. Die weiter gesunkene Wahlbeteiligung zeigt, dass die Geduld vieler Spanier mit ihren Politikern zu Ende geht. Auch...

  • Fotoverbot vor Rheinmetall Firma in Türkei
    Freitag, 11. August 2017

    Die türkische Firma Rheinmetall BMC Defense Industry Inc., an der Rheinmetall mit 40 Prozent beteiligt ist, arbeitet in Ankara offenkundig unter Bedingungen erhöhter Geheimhaltung. An dem Gebäude in...

  • Der Nordwesten Syriens: "Es riecht nach Blut und Schießpulver"
    Dienstag, 26. Juli 2016

    Der Nordwesten Syriens steht an der Schwelle zu einer humanitären Katastrophe, warnt die Kinderrechtsorganisation Save the Children. Hilfsgüter kommen nicht zu den notleidenden Menschen durch und...

  • Terrorangst belastet EM-Geschäfte
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Die Angst vor Terroranschlägen belastet die Geschäfte der UEFA mit der Fußball-EM. Die UEFA werde ihr Umsatzziel für die sogenannten Hospitality-Tickets nicht erreichen, sagte Martin Kallen,...

  • Israel: Was niemand wissen soll
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Israels Militärgerichte verfolgen die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen. Plünderer werden zur Verantwortung gezogen, und auch wer sich bei Vandalismus beobachten lässt oder gar bei gezielter...

  • Russland kündigt Teilabzug aus Syrien an
    Dienstag, 15. März 2016

    Der russische Präsident Wladimir Putin hat am gestrigen Montag angekündigt, den Großteil der russischen Streitkräfte aus Syrien abzuziehen.

  • Alte Feindschaft rostet nicht
    Donnerstag, 31. März 2016

    Die Ursachen und Folgen des IS-Terrors beschäftigen uns an den meisten Nachrichtentagen so sehr, dass wir eine potenziell viel größere Bedrohung fast aus den Augen verloren haben: die russischen...

  • Safe Harbor Urteil: Niemand ist beeindruckt
    Dienstag, 06. Oktober 2015

    Regensburg (ots) - Eigentlich wussten wir es schon vor dem Urteil des höchsten europäischen Gerichts: Unsere Daten sind in den USA nicht sicher.