Sonntag, 05 Jul 2020
Jeder halbwegs aufmerksame Zuschauer ahnt, dass US-Präsident Trump seine Corona-Show benutzt, Nebelkerzen zu zünden, die den Blick vom Versagen seiner Regierung in der Jahrhundertkrise ablenken sollen.
Jeder halbwegs aufmerksame Zuschauer ahnt, dass US-Präsident Trump seine Corona-Show benutzt, Nebelkerzen zu zünden, die den Blick vom Versagen seiner Regierung in der Jahrhundertkrise ablenken sollen. Foto: The White House / Public Domain (via Flickr)
 2-3 Minuten Lesezeit  526 Worte im Text  vor 69 Tagen

Täglich um 17 Uhr schlägt für die Zuschauer der Nachrichtenkanäle die Stunde, ihre geistigen Schutzmasken anzulegen. Denn kurz darauf tritt einer vor die Kameras, der mit der Autorität des Präsidentenamts Dinge verbreitet, die so toxisch wie der Covid-19-Erreger selbst sind.

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Sprichwörtlich. Am Freitag sah sich der Hersteller eines Desinfektionsmittels dazu genötigt, dringend davon abzuraten, seine Produkte zu schlucken oder zu injizieren, nachdem Donald Trump bei seinem jüngsten Auftritt vor den Kameras laut darüber nachgedacht hatte. Während die Reporter im Weißen Haus längst sozialen Abstand halten, schützen Amerikas TV-Sender ihre Zuschauer nicht vor der Ansteckungsgefahr, die von dem Virus der Desinformation ausgeht. Ungefiltert übertragen sie seit Wochen die zweistündige Corona-Show Trumps, deren kleinstes Problem die narzisstische Selbstdarstellung des Präsidenten ist. Dieser versucht sich in der Pandemie wahlweise in der Rolle des Kriegspräsidenten, Medienkritikers oder Cheerleaders. Und entpuppt sich dabei als ein in der Krise überforderter Reality-TV-Entertainer. Sein Anspruch auf "totale Autorität" löst Empörung, aber keine echte Besorgnis aus.

Ein Führer, der nicht einmal Wattestäbchen für Corona-Test-Kits beschaffen kann, überzeugt nicht als Autokrat. Jeder halbwegs aufmerksame Zuschauer ahnt, dass US-Präsident Trump seine Corona-Show benutzt, Nebelkerzen zu zünden, die den Blick vom Versagen seiner Regierung in der Jahrhundertkrise ablenken sollen. Dass die Medien dagegen immer noch keine Immunität aufgebaut haben und ihre kostbare Sendezeit und Druckspalten dafür hergeben, ist tragisch. Als geradewegs tödlich könnte sich die ungefilterte Wiedergabe von Desinformationen über die Pandemie selbst erweisen. Dutzende Male promotete der "Quacksalber in Chief" über den Rat seiner eigenen Experten hinweg ein Malaria-Medikament als Wundermittel gegen das Virus. Tagelang verstärkte Trumps Haussender FOX im Stundentakt die unterliegende Botschaft. Corona ist halb so schlimm, weil es schon eine billige Pille dagegen gibt. Die tausendfach wiederholte Behauptung beruhte auf Wunschdenken, nicht auf Wissenschaft.

Weil ihm der führende Wissenschaftler der Regierung für die Entwicklung eines Impfstoffs gegen den Covid-19-Erreger öffentlich widersprach, verlor Dr. Rick Bright jetzt seinen Job. Einen Tag später lieferte eine Studie unter 386 Kriegsveteranen, die Hydroxychloroquin verabreicht bekamen, den Nachweis, dass Trumps Wundermittel nicht nur keinen Nutzen hat, sondern die Sterblichkeit der damit behandelten Patienten im Vergleich zu anderen Infizierten erhöht. Anders als FOX ist Trump als Präsident gegen Klagen von Angehörigen der Opfer geschützt. Weshalb er ungestraft seine Experten unterminieren, zum Widerstand gegen Schutzmaßnahmen in hart von Corona betroffenen Bundesstaaten aufstacheln und verantwortlich Handelnde zu Sündenböcken machen kann.

Die Starmoderatorin auf MSNBC, Rachel Maddow, appelliert an die Verantwortlichen in den Medien, auf Abstand zu dem "Super-Spreader" im Weißen Haus zu gehen. Alle Sender sollten aufhören, Trumps "Corona"-Show live zu übertragen, weil dies Menschenleben koste. Inmitten einer tödlichen Pandemie müssen Journalisten sich ihrer Verantwortung bewusst werden, nach der Wahrheit zu streben, anstatt das Virus der Desinformation unbewusst zu verbreiten.

Der Kolumnist Charles Blow hat recht, wenn er in der New York Times fordert, die Lügen, Hetze und Agitation dieses politischen Horror-Clowns nicht zu verstärken. Die tägliche Live-Übertragung hat genauso wenig mit Journalismus zu tun wie die Wiedergabe von Desinformationen im geschriebenen Wort. Eine Nachricht verdient das, was anders ist. Dieses Kriterium erfüllen die Corona-Shows Trumps schon lange nicht mehr.

Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
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