Donnerstag, 09 Jul 2020
Foto: Francisco Anzola / CC BY 2.0 (via Flickr)
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Die erste Runde der Präsidentenwahl in der Ukraine war noch nicht beendet, da nahm die zweite bereits ihren Lauf. Lange bevor am Sonntag die Prognosen über die Ticker liefen, berichteten Medien in Kiew bereits über Gespräche zwischen dem absehbaren Sieger Wladimir Selenski und der später tatsächlich unterlegenen Julia Timoschenko. Allen Beobachtern war sofort klar: Sollte Timoschenko den Comedian Selenski in der Stichwahl am 21. April gegen Amtsinhaber Petro Poroschenko unterstützen, wäre dies die halbe Miete zum Sieg.

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Foto: Free-Photos / CC0 (via Pixabay)

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Der Seiteneinsteiger Selenski, der ohne politisches Programm angetreten war, kam nach den offiziellen Ergebnissen vom Montag auf etwa 30 Prozent der Stimmen, gefolgt von Poroschenko mit gut 16 und Timoschenko mit 13 Prozent. Fast wäre Timoschenko, die seit bald 20 Jahren um die Macht in Kiew kämpft und deshalb im Gefängnis saß, sogar noch hinter dem russlandfreundlichen Jurij Bojko zurückgefallen, der 11,5 Prozent erreichte. Selenski fasste das Ergebnis in einem Satz zusammen, von dem niemand so recht sagen konnte, wie viel Ironie darin mitschwang: "In der Ukraine wird ein neues Leben beginnen, ohne Korruption und Schmiergelder, das Leben in einem Land unserer Träume." Meinte er das ernst? Es waren ja gerade Versprechen dieser Art, die der Kabarettist selbst immer wieder aufs Korn genommen hatte. Aber das Uneindeutige war und ist vermutlich der größte Trumpf des Anti-Politikers Selenski. Auf diese Weise konnte er zur Projektionsfläche für all jene Hoffnungen werden, die Poroschenko enttäuscht hat.

Die Ukraine-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin erklärt das Phänomen Selenski so: "Die Bevölkerung hat auf ein neues Gesicht in der Politik gewartet." Das Vertrauen in die Institutionen und die handelnden Personen sei extrem niedrig. Vor allem Poroschenko, der im Krisenjahr 2014 als Heilsbringer gehandelt worden war, schlugen im Wahlkampf Frustration und manchmal auch Aggression entgegen. Entsprechend reumütig gab er sich am Wahlabend: "Das ist eine herbe Lektion für mich und ein wichtiger Grund, an Fehlern zu arbeiten." Nur: In den drei Wochen bis zur Stichwahl gegen Selenski wird Poroschenko kaum noch mit politischem Handeln überzeugen können. Der milliardenschwere Süßwarenunternehmer kann bestenfalls darauf hoffen, dass ihm die Menschen trotz allem eine zweite Chance geben. Tatsächlich liegt auf der Hand, dass sich viele Ukrainer am 21. April, wenn es an den Wahlurnen zum Schwur kommt, noch einmal fragen werden, ob sie das Schicksal des Landes in die Hand eines "Politclowns" geben wollen. Spätestens in einer Fernsehdebatte mit Poroschenko wird er Farbe bekennen müssen. Andererseits: Gelingt es dem 41-Jährigen, die Unterstützung ausgeschiedener Bewerber zu gewinnen, dürften seine Chancen gut stehen. Und genau an diesem Punkt kommen jene Meldungen über Selenskis Gespräche mit Timoschenko ins Spiel, die bereits am Sonntag Verbreitung fanden. In der Ukraine gilt es als offenes Geheimnis, dass Selenski und Timoschenko gute Verbindungen zu dem Oligarchen Ihor Kolomojskyj pflegen, der zugleich ein Intimfeind von Poroschenko ist. Kolomojskyj ist Eigentümer jenes TV-Senders, in dem Selenski seine größten Erfolge gefeiert hat. Mit Timoschenko verbindet ihn die gemeinsame Basis in der Industriemetropole Dnipropetrowsk. Man kennt sich, und man achtet sich. Außerdem könnte Timoschenko unter einem Präsidenten Selenski eine wichtige politische Rolle spielen, etwa als Regierungschefin, während im Hintergrund Kolomojskyj seinen Einfluss geltend machen könnte. So oder so wäre dann wieder einmal ein Oligarch der wahre Gewinner einer Wahl: Kolomojskyj oder Poroschenko.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
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