US Angriff auf Krankenhaus in Kundus - Verdacht auf Kriegsverbrechen

Foto: DVIDSHUB / Flickr (CC)

Welt
Typographie
  • kleiner klein Standard groß größer
  • Standard Helvetica Segoe Georgia Times

Bei den Luftangriffen auf ein Krankenhaus der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" im afghanischen Kundus könnte es sich um ein Kriegsverbrechen gehandelt haben. Das legt der Bericht eines Augenzeugen nahe, der sich gegenüber dem ARD-Magazin "Monitor" (15.10.2015, 21.45 Uhr im Ersten) geäußert hat.

"Der Krankenpfleger widerspricht in seiner Darstellung der offiziellen Sichtweise der afghanischen Regierung. Diese hatte unmittelbar nach den Angriffen vom 3. Oktober behauptet, dass sich zehn bis 15 Terroristen in dem Krankenhaus versteckt hätten, die bei dem Angriff alle getötet worden seien.

Am Abend vor den Angriffen sei gegen 23 Uhr ein Verletzter von den Taliban eingeliefert worden, erzählt hingegen der Krankenpfleger, der in dieser Nacht im Krankenhaus gearbeitet hat. "Nachdem wir ihn versorgt hatten, haben sie ihn wieder mitgenommen. Die Taliban wollten ihre Kämpfer nie bei uns lassen. Als dann der Luftangriff begann, waren keine Taliban mehr im Krankenhaus." Er habe auch "nie einen Bewaffneten in diesem Krankenhaus" gesehen. "Jeder, der in das Krankenhaus kam, musste vorher seine Waffen abgeben."

Nach den unterschiedlichen Erklärungen des US-Militärs hätten afghanische Militärs die Luftangriffe angefordert. Das Krankenhaus habe dabei nur "in der Nähe" der Angriffe gelegen und sei "irrtümlicherweise" getroffen worden. Dem widerspricht, was Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" aus dieser Nacht berichten: "Was unsere Mitarbeiter von vor Ort berichtet haben, deutet wirklich klar darauf hin, dass gezielt das Hauptgebäude des Krankenhauses angegriffen wurde. Also dass es nicht so war, dass man auf ein anderes, nahegelegenes Ziel fokussiert hätte und sich geirrt hätte", sagte Florian Westphal, Geschäftsführer von "Ärzte ohne Grenzen Deutschland", gegenüber "Monitor". Auf dem Gelände des Krankenhauses habe es direkt vor den Luftangriffen keinerlei Kampfhandlungen gegeben.

Die Aussagen der Augenzeugen erhärten damit den Verdacht eines Kriegsverbrechens, das bei einem absichtlichen Beschuss eines Krankenhauses vorliegen würde, sofern es nicht Ort von Kampfhandlungen ist. "Krankenhäuser sind durch die Genfer Konventionen geschützt, sie dürfen nicht angegriffen werden", erklärt der Völkerrechtler Prof. Michael Bothe gegenüber "Monitor". Auch "die einfache Gegenwart von Kämpfern in diesem Krankenhaus" schließe diesen Schutz nicht aus.

Nach Angaben von "Ärzte ohne Grenzen" wurden bei den Angriffen 24 Menschen getötet, 14 Mitarbeiter der Hilfsorganisation und zehn Patienten, darunter drei Kinder. 37 Menschen wurden verletzt.



Quelle: ots / ARD


Welt (Top 10)

  • Belarus vor der Wahl: Hacker-Attacken auf unabhängige Online-Medien
    Dienstag, 06. Oktober 2015

    Berlin (ots) - Reporter ohne Grenzen kritisiert die Angriffe auf unabhängige Online-Medien wenige Tage vor der Präsidentenwahl in Belarus am 11. Oktober. Die Seiten der unabhängigen...

  • Keine Bußgelder für Spanien und Portugal: Aufgeschoben darf nicht aufgehoben sein
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Erstmals in der Geschichte des Stabilitäts- und Wachstumspaktes (SWP) hätte die EU Sanktionen gegen Spanien und Portugal wegen überhöhter Staatsdefizite verhängen können. Sie hat aber vorerst darauf...

  • Wahl in Spanien: Unsicherheit endlich beenden
    Montag, 27. Juni 2016

    Spanien hat nach sechs Monaten vergeblicher Regierungsbildung erneut gewählt. Die weiter gesunkene Wahlbeteiligung zeigt, dass die Geduld vieler Spanier mit ihren Politikern zu Ende geht. Auch...

  • Fotoverbot vor Rheinmetall Firma in Türkei
    Freitag, 11. August 2017

    Die türkische Firma Rheinmetall BMC Defense Industry Inc., an der Rheinmetall mit 40 Prozent beteiligt ist, arbeitet in Ankara offenkundig unter Bedingungen erhöhter Geheimhaltung. An dem Gebäude in...

  • Der Nordwesten Syriens: "Es riecht nach Blut und Schießpulver"
    Dienstag, 26. Juli 2016

    Der Nordwesten Syriens steht an der Schwelle zu einer humanitären Katastrophe, warnt die Kinderrechtsorganisation Save the Children. Hilfsgüter kommen nicht zu den notleidenden Menschen durch und...

  • Terrorangst belastet EM-Geschäfte
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Die Angst vor Terroranschlägen belastet die Geschäfte der UEFA mit der Fußball-EM. Die UEFA werde ihr Umsatzziel für die sogenannten Hospitality-Tickets nicht erreichen, sagte Martin Kallen,...

  • Israel: Was niemand wissen soll
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Israels Militärgerichte verfolgen die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen. Plünderer werden zur Verantwortung gezogen, und auch wer sich bei Vandalismus beobachten lässt oder gar bei gezielter...

  • Russland kündigt Teilabzug aus Syrien an
    Dienstag, 15. März 2016

    Der russische Präsident Wladimir Putin hat am gestrigen Montag angekündigt, den Großteil der russischen Streitkräfte aus Syrien abzuziehen.

  • Alte Feindschaft rostet nicht
    Donnerstag, 31. März 2016

    Die Ursachen und Folgen des IS-Terrors beschäftigen uns an den meisten Nachrichtentagen so sehr, dass wir eine potenziell viel größere Bedrohung fast aus den Augen verloren haben: die russischen...

  • Safe Harbor Urteil: Niemand ist beeindruckt
    Dienstag, 06. Oktober 2015

    Regensburg (ots) - Eigentlich wussten wir es schon vor dem Urteil des höchsten europäischen Gerichts: Unsere Daten sind in den USA nicht sicher.