VW-Verstrickung in die Machenschaften der brasilianischen Militärdiktatur

Foto: Aljonushka / Pixabay CC0

Welt
Typographie
  • kleiner klein Standard groß größer
  • Standard Helvetica Segoe Georgia Times

Volkswagen hat sich offenbar in der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur aktiv an politischer Verfolgung und Unterdrückung von Regime-Gegnern beteiligt. Das haben Recherchen von NDR, SWR und Süddeutscher Zeitung ergeben. Die brasilianische VW-Tochter Volkswagen do Brasil hat demnach die eigenen Mitarbeiter und deren politische Gesinnung ausgespäht. Die Informationen über Oppositionelle gelangten dann an die Politische Polizei der Militärmachthaber. Zudem wurden VW-Mitarbeiter durch die Politische Polizei auf dem Firmengelände verhaftet. Betroffene berichten, sie seien im Anschluss monatelang gefoltert worden.

Die Konzernzentrale in Wolfsburg will sich bislang nicht inhaltlich zu den Vorwürfen äußern und verweist auf ein Gutachten, das beim Wirtschaftshistoriker Prof. Dr. Christopher Kopper von der Universität Bielefeld in Auftrag gegeben wurde. „Wenn wir es aufgearbeitet haben, dann kommen wir möglicherweise auch zu Erkenntnissen“, so Konzernsprecher Hans-Gerd Bode. Professor Kopper hat bis Ende des Jahres Zeit, seine Ergebnisse vorzulegen. Im Interview mit den drei Medien nahm er jedoch bereits Stellung und bestätigte die Vorwürfe: „Ich kann sagen, dass es eine regelmäßige Zusammenarbeit zwischen dem Werkschutz von VW do Brasil und dem Polizeiorgan des Regimes gab.“ Auch für Festnahmen auf dem Werksgelände sieht Kopper die Volkswagen AG in der Verantwortung: „Ja, sie hat die Verhaftungen zugelassen.“

Ermittlungen der Bundesstaatsanwaltschaft in Brasilien

Volkswagen Brasilien war das erste Tochterunternehmen des Wolfsburger Konzerns im Ausland überhaupt. Die konservative Militärregierung (1964 bis 1985) setzte auf Wirtschaftswachstum und innere Ordnung – Ziele, die sie mit dem Unternehmen teilte. „Wir fanden Verhältnisse, mit denen man als Unternehmer schaffen konnte“, so der ehemalige VW-Vorstandsvorsitzende Carl Hahn. Jetzt ermittelt die Bundesstaatsanwaltschaft in Brasilien. Ein Team von Staatsanwälten und Gutachtern untersucht, welche Verantwortung Volkswagen do Brasil für „Menschenrechtsverletzungen innerhalb des Werksgeländes zur Zeit der Militärdiktatur“ trägt.

NDR, SWR und Süddeutsche Zeitung konnten umfangreiche Unterlagen auswerten: die Akten aus dem aktuell laufenden brasilianischen Ermittlungsverfahren, interne Unternehmenspapiere von Volkswagen, Berichte des Auswärtigen Amts und als geheim eingestufte Papiere der Politischen Polizei aus der Diktaturzeit. Aus den Dokumenten der Politischen Polizei, der sogenannten „Abteilung für politische und soziale Ordnung“, geht hervor, dass allein im Sommer 1972 mindestens sechs VW-Mitarbeiter aufgrund ihrer politischen Aktivitäten verhaftet wurden. Nach Aussagen von Zeugen waren es viele mehr. Unter ihnen sind ein in Hannover aufgewachsener Werkzeugmacher, ein spanischer Staatsbürger und eine Sekretärin bei Volkswagen Brasilien mit deutschen Wurzeln.

Volkswagen Brasilien lieferte offenbar eigene Mitarbeiter der Folter aus

Übereinstimmend berichten mehrere ehemalige Mitarbeiter, dass die Verhaftungen jeweils am Arbeitsplatz stattgefunden hätten. Nach ihren Aussagen wurden die Festnahmen vom VW-Werkschutz ermöglicht, der Sicherheitsabteilung des Konzerns: „Plötzlich spürte ich eine Maschinenpistole in meinem Rücken, mir wurden Handschellen angelegt“, schildert der ehemalige VW-Werkzeugmacher Lúcio Bellentani seine Verhaftung.

Die ersten Schläge und Tritte hätten ihm die Polizisten demnach noch in den Räumen der Personalabteilung von VW versetzt. „Und die Leute vom VW-Werkschutz schauten zu“, erinnert sich der heute 72-Jährige. Der Vorwurf: Er hatte Flugblätter für die Kommunistische Partei am Arbeitsplatz verteilt. Auf die Verhaftung folgte für ihn, wie auch für die anderen ehemaligen VW-Mitarbeiter, monatelange Folterhaft. Bei Befragungen wurden unter anderem Elektroschocks eingesetzt, außerdem wurden ihm gewaltsam Zähne aus dem Kiefer gebrochen. Bellentani fordert jetzt von VW, zur Vergangenheit zu stehen: „Indirekt war VW verantwortlich für zahlreiche Fälle von Folter und Verfolgung. Man darf solche Dinge nicht unter den Teppich kehren. Volkswagen sollte die Würde haben, seine Verantwortung für diese Taten anzuerkennen.“

Der VW-Werkschutz als „verlängerter Arm der politischen Polizei“

Volkswagen Brasilien hatte bereits im Jahr 1959 – fünf Jahre vor dem Putsch der Militärs in Brasilien - einen Werkschutz als Teil der Personalabteilung gegründet. Die Recherchen von NDR, SWR und Süddeutscher Zeitung zeigen, dass sich eine Unterabteilung des Werkschutzes faktisch zum werkseigenen Geheimdienst entwickelte. Diese Abteilung arbeitete zweigleisig: Zum einen übernahm sie typische Sicherungsaufgaben wie den Schutz des Werksgeländes. Zum anderen bespitzelte sie die eigenen Mitarbeiter.

Das zeigen Hunderte so genannter Vorkommnisberichte, erstellt vom VW-Werkschutz, die in den geheimen Unterlagen der Politischen Polizei gefunden wurden und von Reportern der drei Medien ausgewertet werden konnten. „Erhalten von Volkswagen“, steht auf den Deckblättern vermerkt. Die Berichte identifizieren Oppositionelle, berichten von Streiks und über Streik-Anstifter und zeigen sogar Fotografien von Mitarbeitern, die auch außerhalb des Werksgeländes gemacht wurden. „Der Werkschutz hat agiert, als wäre er ein verlängerter Arm der brasilianischen Politischen Polizei innerhalb des VW-Werkes“, sagt der Gutachter der Bundesstaatsanwaltschaft, Guaracy Mingardi. Auch ehemalige Mitarbeiter der Politischen Polizei bestätigten nun die enge Zusammenarbeit mit Volkswagen: „Alles, was wir von Volkswagen haben wollten, haben sie sofort gemacht. Wir waren uns sehr nah“, so der ehemalige Dienststellenleiter der Politischen Polizei, José Bonchristiano.

Die ehemaligen VW-Mitarbeiter berichten von einem polizeiähnlichen Kontroll- und Bestrafungssystem des Werkschutzes. Wer negativ auffiel, sei oft mehrere Tage in einem werkseigenen Verhörraum festgehalten worden, der sich im Keller des Werksgebäudes befunden habe.

Was wusste VW in Wolfsburg?

Wie aus VW-internen Unterlagen hervorgeht, tauschten sich die Unternehmensführung in Wolfsburg und Brasilien bereits 1972 über Verhaftungen von Mitarbeitern aus. Außerdem soll der VW-Vorstand in Wolfsburg nach den Recherchen spätestens im Jahr 1979 von den Vorwürfen erfahren haben. Damals reisten brasilianische VW-Mitarbeiter persönlich nach Wolfsburg, um den damaligen VW-Vorstandsvorsitzenden Toni Schmücker auf Verstrickungen von VW in die Machenschaften der Militärdiktatur in Brasilien anzusprechen. Einer von ihnen war der Gewerkschaftsführer Devanir Ribeiro: „Ich habe zu ihm gesagt: Sie leiten doch diese Firma. Warum nimmt man Arbeiter in der Firma fest?“ Eine Antwort habe er nie bekommen.

Programmhinweis:

Die Dokumentation „Komplizen? VW und die brasilianische Militärdiktatur“ von Stefanie Dodt und Thomas Aders ist am Montag, 24. Juli, um 23.25 Uhr im Ersten zu sehen. Im Radio sendet NDR Info eine gleichnamige Podcast-Serie - von Montag, 24. Juli, bis Donnerstag, 27. Juli, jeweils um 20.30 Uhr. Sie wurde von Stefanie Dodt und Thilo Guschas erarbeitet. Unter www.NDR.de/info steht die Podcast-Serie ab Sonntag, 23. Juli, 19.00 Uhr, zum Download bereit. NDR Info sendet zudem am Sonntag, 30. Juli, um 11.05 Uhr das Feature „Die Tortur. Lúcio Bellentani und VW in Brasilien“ von Stefanie Dodt und Thilo Guschas.



Quelle: NDR / Video: tagesthemen 23:30 Uhr, 23.07.2017, Stefanie Dodt, NDR/Thomas Aders, SWR


Welt (Top 10)

  • Belarus vor der Wahl: Hacker-Attacken auf unabhängige Online-Medien
    Dienstag, 06. Oktober 2015

    Berlin (ots) - Reporter ohne Grenzen kritisiert die Angriffe auf unabhängige Online-Medien wenige Tage vor der Präsidentenwahl in Belarus am 11. Oktober. Die Seiten der unabhängigen...

  • Keine Bußgelder für Spanien und Portugal: Aufgeschoben darf nicht aufgehoben sein
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Erstmals in der Geschichte des Stabilitäts- und Wachstumspaktes (SWP) hätte die EU Sanktionen gegen Spanien und Portugal wegen überhöhter Staatsdefizite verhängen können. Sie hat aber vorerst darauf...

  • Wahl in Spanien: Unsicherheit endlich beenden
    Montag, 27. Juni 2016

    Spanien hat nach sechs Monaten vergeblicher Regierungsbildung erneut gewählt. Die weiter gesunkene Wahlbeteiligung zeigt, dass die Geduld vieler Spanier mit ihren Politikern zu Ende geht. Auch...

  • Fotoverbot vor Rheinmetall Firma in Türkei
    Freitag, 11. August 2017

    Die türkische Firma Rheinmetall BMC Defense Industry Inc., an der Rheinmetall mit 40 Prozent beteiligt ist, arbeitet in Ankara offenkundig unter Bedingungen erhöhter Geheimhaltung. An dem Gebäude in...

  • Der Nordwesten Syriens: "Es riecht nach Blut und Schießpulver"
    Dienstag, 26. Juli 2016

    Der Nordwesten Syriens steht an der Schwelle zu einer humanitären Katastrophe, warnt die Kinderrechtsorganisation Save the Children. Hilfsgüter kommen nicht zu den notleidenden Menschen durch und...

  • Terrorangst belastet EM-Geschäfte
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Die Angst vor Terroranschlägen belastet die Geschäfte der UEFA mit der Fußball-EM. Die UEFA werde ihr Umsatzziel für die sogenannten Hospitality-Tickets nicht erreichen, sagte Martin Kallen,...

  • Israel: Was niemand wissen soll
    Mittwoch, 18. Mai 2016

    Israels Militärgerichte verfolgen die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen. Plünderer werden zur Verantwortung gezogen, und auch wer sich bei Vandalismus beobachten lässt oder gar bei gezielter...

  • Russland kündigt Teilabzug aus Syrien an
    Dienstag, 15. März 2016

    Der russische Präsident Wladimir Putin hat am gestrigen Montag angekündigt, den Großteil der russischen Streitkräfte aus Syrien abzuziehen.

  • Alte Feindschaft rostet nicht
    Donnerstag, 31. März 2016

    Die Ursachen und Folgen des IS-Terrors beschäftigen uns an den meisten Nachrichtentagen so sehr, dass wir eine potenziell viel größere Bedrohung fast aus den Augen verloren haben: die russischen...

  • Safe Harbor Urteil: Niemand ist beeindruckt
    Dienstag, 06. Oktober 2015

    Regensburg (ots) - Eigentlich wussten wir es schon vor dem Urteil des höchsten europäischen Gerichts: Unsere Daten sind in den USA nicht sicher.